Kinder in Rojava in akuter Not: Zur dramatischen psychischen und gesundheitlichen Lage in Nord- und Ostsyrien“
Das Gesundheits- und Diversitätsforschungsinstitut schlägt mit großer Sorge Alarm angesichts der sich dramatisch zuspitzenden humanitären, gesundheitlichen und psychischen Lage der Zivilbevölkerung – insbesondere der Kinder – in den kurdischen Autonomiegebieten Rojavas (Nord- und Ostsyrien).
Seit dem Angriff der syrischen Übergangsregierung unter Führung islamistischer Kräfte auf Aleppo und der anschließenden Verlagerung der Kampfhandlungen in die kurdischen Gebiete hat sich die Sicherheitslage in Rojava massiv verschlechtert. Berichte über Übergriffe bewaffneter jihadistischer Gruppen auf die Zivilbevölkerung wecken schmerzhafte Erinnerungen an die Massaker des sogenannten „Islamischen Staates“ im Jahr 2014. Erneut sind systematische Gewalt, Vertreibung und schwere Menschenrechtsverletzungen zu befürchten.
Kinder sind von dieser Eskalation in besonderem Maße betroffen.
Unsere langjährigen klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen aus Krisen- und Kriegsregionen zeigen, dass Kinder unter solchen Bedingungen ein extrem hohes Risiko für schwere Traumafolgestörungen tragen. Aktuelle Berichte aus Rojava weisen auf eine alarmierende Zunahme von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen hin, darunter:
- schwere Angststörungen und Depressionen,
- Schlafstörungen, Albträume und anhaltende Übererregung,
- Rückzug, Sprachlosigkeit und emotionale Abstumpfung,
- körperliche Beschwerden ohne organische Ursache (z. B. Bauch- und Kopfschmerzen).
Besonders dramatisch ist die Situation in Kobanê, das derzeit faktisch umzingelt ist. Die Bevölkerung leidet unter dem Ausfall von Wasser- und Stromversorgung bei eisigen Temperaturen. Nahrungsmittel werden knapp, medizinische Versorgung ist kaum noch möglich, und humanitäre Hilfe erreicht die Stadt nicht. Kinder beginnen zu hungern, frieren und sind vielfach auf sich selbst gestellt, während ihre Eltern unter extremer Angst, Ohnmacht und Erschöpfung leiden.
Viele Familien in Nord- und Ostsyrien sind bereits mehrfach vertrieben worden. Seit 2018 wurden über 500.000 Menschen durch militärische Angriffe zur Flucht gezwungen. Für zahlreiche Kinder bedeutet dies, dass sie ihr Zuhause, ihre Schule und ihr soziales Umfeld zum zweiten oder dritten Mal verlieren. Schulen dienen inzwischen als Notunterkünfte, regulärer Unterricht findet kaum noch statt. Bildung, Schutz und kindgerechte Versorgung sind massiv eingeschränkt.
Die aktuelle geopolitische Entwicklung, insbesondere der angekündigte Rückzug internationaler Schutzmächte, verstärkt das Gefühl existenzieller Bedrohung. Angst vor erneuter ethnischer und religiöser Gewalt prägt den Alltag. Kinder wachsen unter permanenter Unsicherheit auf – ein Zustand, der nachweislich langfristige Schäden für ihre psychische, körperliche und soziale Entwicklung hinterlässt.
Unsere dringenden Forderungen
Angesichts dieser Lage fordert das Gesundheits- und Diversitätsforschungsinstitut die internationale Gemeinschaft, politische Entscheidungsträger*innen, die Vereinten Nationen sowie humanitäre Organisationen mit Nachdruck auf:
- Sofortigen humanitären Zugang zu allen betroffenen Gebieten in Rojava sicherzustellen, insbesondere zu belagerten Städten wie Kobanê.
- Unverzügliche Versorgung mit Wasser, Nahrungsmitteln, Strom und medizinischer Hilfe zu gewährleisten, mit besonderem Fokus auf Kinder, Schwangere und chronisch Kranke.
- Psychosoziale und psychotherapeutische Notfallhilfe für Kinder und Familien aufzubauen und bestehende lokale Strukturen gezielt zu unterstützen.
- Zivilbevölkerung und insbesondere Kinder vor Gewalt, Vertreibung und Übergriffen bewaffneter Gruppen zu schützen, entsprechend dem humanitären Völkerrecht.
- Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen als Schutzräume zu sichern und deren militärische Instrumentalisierung zu verhindern.
- Langfristig in traumasensible Gesundheits-, Bildungs- und Versorgungsstrukturen zu investieren, um eine weitere Generation schwer traumatisierter Kinder zu verhindern.
Schlussbemerkung
Kinder in Rojava zahlen derzeit einen unerträglich hohen Preis für politische Entscheidungen, militärische Eskalationen und internationales Wegsehen. Psychische Traumatisierung, Hunger, Kälte und Angst sind keine abstrakten Folgen von Krieg, sie prägen das tägliche Leben tausender Kinder hier und jetzt.
Nicht zu handeln bedeutet, schwere gesundheitliche und psychosoziale Langzeitfolgen bewusst in Kauf zu nehmen.
Das Gesundheits- und Diversitätsforschungsinstitut appelliert eindringlich:
Jetzt ist der Moment zu handeln.





